Polyphonie beim Digitalpiano — 64, 128 oder 256 Stimmen?
Was Polyphonie ist, warum 88 Tasten nicht 88 Stimmen bedeuten und wann es wirklich an Stimmen mangelt. Eine Erklärung ohne Fachjargon, mit praktischen Beispielen.
Die Polyphonie gehört zu jenen Angaben, die in jeder Tabelle stehen und die kaum jemand genau erklären kann. Verkäufer betonen gern die höhere Zahl, Käufer nicken — und damit endet das Gespräch.
Es lohnt, sie zu verstehen, denn sie ist eine Angabe, die bei manchen Anwendungen keinerlei Bedeutung hat und bei anderen darüber entscheidet, ob Töne beim Spielen zu verschwinden beginnen.
Was Polyphonie ist
Polyphonie ist die höchste Zahl von Tönen, die ein Instrument gleichzeitig erzeugen kann. Es geht nicht um die Zahl der Tasten, die Sie drücken können, sondern um die Zahl klingender Samples, die der Prozessor im selben Moment hält.
Und hier entsteht das erste Missverständnis: Wenn ich zehn Finger habe, wozu brauche ich 128 Stimmen?
Warum zehn Finger weit mehr als zehn Stimmen verbrauchen
Weil ein Ton nicht mit dem Loslassen der Taste endet. Stimmen werden auf mehrere Weisen zugleich verbraucht.
Das Sustainpedal
Es ist der Hauptverbraucher der Polyphonie. Solange Sie das Pedal halten, klingen alle gespielten Töne weiter — auch jene, von denen die Finger längst gegangen sind. Bei einer Passage mit Pedal können mehrere Dutzend Töne gleichzeitig klingen.
Stereoklänge
Viele Flügelklänge sind in Stereo gesampelt. Eine gedrückte Taste verbraucht dann zwei Stimmen, nicht eine.
Übereinandergelegte Klangfarben
Die Funktion Dual, also das Übereinanderlegen zweier Klangfarben auf derselben Tastatur — etwa Flügel mit Streichern — verdoppelt den Verbrauch. In Verbindung mit Stereo kann eine Taste vier Stimmen belegen.
Begleitung und Metronom
Eine automatische Begleitung bedeutet weitere Instrumente, die parallel spielen. Auch jedes von ihnen verbraucht Stimmen.
Wie viele also wirklich nötig sind
Eine einfache Rechnung für den üblichen Fall: Sie spielen ein Stück mit Pedal, mit Stereoklang des Flügels, in dichterem Satz. Zehn Finger, Stereoklang, noch klingende frühere Töne — Sie überschreiten bequem 60 Stimmen.
Daraus die praktischen Schwellen:
- 64 Stimmen — genügt für einfaches Spiel ohne Pedal und ohne Übereinanderlegen von Klangfarben. Bei ausgiebigem Pedalgebrauch kann es knapp werden.
- 128 Stimmen — ein bequemes Maß zum Lernen und Spielen zu Hause, auch mit Pedal und Begleitung.
- 192 oder 256 Stimmen — Reserve für dichten Satz, geschichtete Klangfarben und Arbeit mit Playbacks.
Woran man merkt, dass die Stimmen ausgegangen sind
Das Anzeichen ist kennzeichnend und leicht zu erkennen, wenn man weiß, worauf zu achten ist: die ältesten Töne verklingen vorzeitig. Sie spielen mit Pedal, bauen den Klang auf, und frühere Noten verschwinden, obwohl sie noch klingen sollten.
Das Instrument hängt sich nicht auf und verzerrt nicht — es „schneidet" schlicht den ältesten Ton ab, um eine Stimme für den neuen frei zu machen. Das ist normales Verhalten, kein Defekt.
Wenn Sie das bei Ihrem Spiel nie gehört haben, ist die Polyphonie Ihres Instruments ausreichend.
Lohnt der Aufpreis für höhere Polyphonie
Das hängt davon ab, wie Sie spielen.
Es hat wenig Bedeutung, wenn Sie von Grund auf lernen, Melodien und einfache Begleitungen spielen und das Pedal sparsam nutzen.
Es hat Bedeutung, wenn Sie romantisches Repertoire mit ausgebauter Pedalisierung spielen, gern Klangfarben mit der Funktion Dual übereinanderlegen oder gleichzeitig mit Begleitungen und Playbacks arbeiten.
Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die Polyphonie weit hinter Tastatur und Klangsystem in der Reihenfolge der Dinge steht, für die sich Geld auszugeben lohnt. Ein Instrument mit besserer Mechanik und bescheidenerer Polyphonie ist der bessere Kauf als umgekehrt.
Worauf stattdessen zu achten ist
Bei der Wahl eines Pianos zum Lernen sind weit wichtiger:
- die Tastenmechanik — gewichtete Hammermechanik wie im V9N und V10NBoder halbgewichtet wie im V5N,
- Leistung und Güte der Verstärkung — 2 × 12 W mit DSP 16 × 24 Bit in den Modellen V9, V10 und V11 gegenüber 2 × 10 W im V5,
- eine volle Pedaleinheit mit Sustain, Soft und Sostenuto,
- Kopfhörerausgänge — zwei in den höheren Modellen.
Zusammenfassung
Polyphonie ist eine Leistungsreserve des Prozessors, keine Zahl von Fingern. Verbraucht wird sie von Pedal, Stereoklängen und übereinandergelegten Klangfarben, weshalb Zahlen wie 64 oder 128 nicht übertrieben sind. Für Lernende und das Spiel zu Hause ist sie jedoch eine zweitrangige Angabe — über die Güte eines Instruments entscheidet vor allem, wie die Tastatur arbeitet.
Die Spezifikationen aller Modelle finden Sie in der Abteilung Digitalpianos.
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